Der Regen trommelte ein rhythmisches Requiem auf das Dach des alten Vans, als Lucas das Radio leiser drehte. Die Scheibenwischer kämpften verzweifelt gegen den sintflutartigen Niederschlag, doch die Sicht blieb milchig, als wäre die Welt hinter einem schmutzigen Vorhang verschwunden. Auf dem Beifahrersitz zündete Jacob sich eine Zigarette an, das orangefarbene Glühen der Spitze spiegelte sich in seinen kaltblauen Augen.
»Wenn das hier nur 'ne verfickte Ruine ist, schlag ich dir direkt ins Gesicht«, murmelte er und blies Rauch gegen die Windschutzscheibe. Sein schwarzer Hoodie war an den Schultern nass vom Regen, die Tattoos an seinen Unterarmen - ein Wolfskopf, ein Kompass - schimmerten unter einer Schicht Kondenswasser.
»Wirst schon nicht enttäuscht«, antwortete Lucas, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Sein sandfarbenes Haar klebte ihm in Strähnen an der Stirn, die Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Auf der Rückbank hörte er Natalia lachen, schrill und absichtlich übertrieben.
»Hey, Sven! Hast du deine Geister-Abwehr-Sprühflasche eingepackt? Oder betest du heute wieder zu deinem Kristall?«, höhnte sie.
Sven, der zusammengerollt wie ein verängstigtes Tier am Fenster saß, zuckte zusammen. Sein zu großer Regenmantel raschelte, als er die Kapuze tiefer ins Gesicht zog. »Es heißt Räucherstäbchen«, murmelte er. »Und ja. Für den Fall, dass...«
»Dass der böse Geist dir ans Leder will?«, fiel Jacob ein und grinste spöttisch. »Pass lieber auf, dass Natalia dich nicht mit ihrem Eyeliner als Voodoo-Puppe benutzt.«
Natalia warf ihm einen dramatischen Seitenblick zu und zückte ihren Lippenstift, um sich im Spiegel des Sonnenblendenfachs nachzuziehen. Ihr knallroter Bob, perfekt gestylt trotz der Feuchtigkeit, kontrastierte scharf mit dem matten Grau der Reise. »Wenn hier wirklich Geister sind, werden die mich adoptieren. Ich seh aus wie ihre Gothic-Prinzessin.« Sie zwinkerte übertrieben, doch Lucas sah im Rückspiegel, wie ihre Finger zitterten, als sie den Make-up-Pinsel zurück in ihre Handtasche steckte.
Der Van holperte über eine Schlaglochkette, und Sven stieß mit der Schulter gegen die Scheibe. »Könntest du vorsichtiger fahren du Vollidiot?«, stieß er hervor, während er seine randlose Brille gerade rückte. Hinter den Gläsern blitzten seine dunklen Augen auf - wachsam, wie ein Tier, das jeden Moment zur Flucht ansetzen könnte.
»Entspann dich«, sagte Lucas und versuchte, seine eigene Nervosität zu verbergen. »Noch fünf Minuten, dann sind wir da.«
»Da.« Jacob lehnte sich vor und stupste gegen die Windschutzscheibe. »Sieht aus wie 'n verfaultes Schloss aus 'nem Hammer-Film.«
Durch den Schleier aus Regen und Nebel tauchte das Ashwood Hotel auf. Das Gebäude war ein monströses Relikt der Vergangenheit, sein gotischer Giebel verbogen, die Türme von Efeu erstickt, der sich wie Adern über die Steinfassade zog. Zwei steinerne Greifen flankierten das rostige Eingangstor, ihre Mäuler zu stummen Schreien verzerrt. Irgendwo in der Ferne krächzte ein Vogel, ein scharfes Geräusch, das im Nichts erstarb.
Lucas parkte den Van im Schlamm, der Motor stöhnte auf, bevor er mit einem Husten verstummte. Für einen Moment herrschte Stille, bis auf das Prasseln des Regens auf dem Dach.
»Okay, Leute«, sagte Lucas und klopfte gegen seine Kamera, die um seinen Hals baumelte. »Regel Nummer eins: Nichts anfassen, was nach Asbest aussieht. Regel Nummer zwei: Immer in Sichtweite bleiben. Regel nummer drei-«
»Regel Nummer drei«, unterbrach Jacob und stieg aus, »ist, dass du aufhörst, wie 'n verdammter Pfadfinder zu klingen.« Er warf die Zigarette in eine Pfütze, wo sie mit einem Zischen erlosch.
Natalia folgte ihm, ihre Plateau-Stiefel versanken knöcheltief im Matsch. »Scheiße, mein neuer Stiefel!«, rief sie und hob den Fuß, als wäre er verletzt. »Wenn ich hier Salmonellen kriege, klaue ich deine Kamera, Lucas.«
Sven blieb als Letzter im Van. Lucas sah durch den Rückspiegel, wie er eine kleine Holzschachtel aus seinem Rucksack zog, sie öffnete und etwas herausholte - einen glatten, schwarzen Stein. Er flüsterte etwas, das wie ein Gebet klang, bevor er ihn in die Tasche steckte
»Alles okay?«, fragte Lucas leise.
Sven nickte, doch sein Gesicht war blass. »Dieser Ort... hier ist kein Echo, verstehst du? Es ist... lebendig. Und es hasst uns.«
Lucas zwang sich zu lachen. »Du und deine Spukgeschichten. Komm schon, bevor die anderen uns verlieren.«
Das Tor
Das Tor quietschte, als Jacob es aufstieß, die rostigen tore protestierten laut genug, um Natalia zusammenzucken zu lassen. »Jesus, könnt ihr alle mal chillen?«, fauchte sie und drängte sich vorbei.
Der Garten war ein Labyrinth aus verwilderten Büschen und umgestürzten Statuen. Eine steinerne Frau mit gebrochenen Armen lag im Schlamm, ihr Gesicht von Moos überwuchert. Lucas hob die Kamera und drückte ab. Klick. Das Blitzlicht ließ den Garten für einen Moment erstarren - Schatten huschten wie Ratten zwischen den Büschen.
»Was war das?«, fragte Sven abrupt. Er stand regungslos, den Kopf zur Seite geneigt.
»Was?«, fragte Lucas.
»Das... Flüstern.« Sven's Augen weiteten sich. »Da. Hörst du's? Unter dem Wind.«
Jacob rollte mit den Augen. »Erzähl mir nicht, du hörst jetzt schon Stimmen.«
Doch Lucas spitzte die Ohren. Der Wind heulte durch die zerbrochenen Fenster des Hotels, trug etwas mit sich - nicht nur das Rascheln der Blätter. Etwas, das fast wie ein Kinderlied klang. Drei kleine Engel, schlafen ganz fest...
»Nichts da«, log er. »Komm schon, die Haustür ist offen.«
Die Lobby
Der Geruch traf sie zuerst - ein beißender Mix aus Schimmel und etwas Süßlichem, Verwestem. Natalia hielt sich die Hand vor die Nase. »Ew, riecht wie Omas Keller nach der Flut.«
Die Lobby war ein einst prunkvoller Raum, jetzt ein Skelett aus verrottendem Holz und zerrissenen Tapeten. Ein Kronleuchter lag in Scherben auf dem Boden, seine Kristalle wie ausgeknockte Zähne. An den Wänden hingen Porträts, deren Gesichter von Feuchtigkeit verschmiert waren - Augen zu schwarzen Löchern geschwollen, Münder zu schlaffen Schlitzen verzerrt.
»Hier«, sagte Lucas und zeigte auf ein vergilbtes Gästebuch auf der Rezeption. Die Seiten klebten zusammen, doch eine Eintragung war lesbar: 14. Oktober 1930 - Letzter Tag. Sie weint die ganze Nacht. Wir können nicht fliehen.
»Creepy«, murmelte Natalia und filmte alles mit ihrer Handy Kamera. »Das kriegt sicher tausend Likes auf tiktok«
Jacob trat gegen eine umgestürzte Vase, die in Staub zersprang. »Alles nur Dreck und Gammel. Wo ist der richtige Scheiß? Die Leichen? Die Geister?«
Plötzlich knallte etwas über ihnen. Ein lautes, metallisches BANG, als würde jemand gegen ein Rohr schlagen.
Alle erstarrten. Sven packte Lucas' Arm, seine Finger eiskalt. »Das... das kam von oben.«
»Ratten«, sagte Jacob, doch seine Stimme war dünn. »Oder der Wind.«
»Ratten machen keine Geräusche wie ne Axt«, zischte Natalia. Ihr Gesicht war blass unter dem Rouge.
Lucas schaltete seine Taschenlampe ein. Der Lichtstrahl schnitt durch den Staub, der wie Asche in der Luft tanzte. »Dann gucken wir halt nach oben.«
Die Treppe zum ersten Stock war aus Eichenholz, doch morsch wie Pappmaschee. Jeder Schritt ließ sie ächzen, als würden sie die Knochen des Hauses brechen. Natalia blieb auf halber Höhe stehen, als ein kalter Luftzug ihren Nacken streifte.
»Hey«, flüsterte sie. »Hat... hat gerade jemand meinen Namen gesagt?«
»Nein«, log Lucas. Er hatte es auch gehört - ein zischendes Nataliaaa, geflüstert von irgendwo hinter ihnen.
Sven, der als Letzter ging, drehte sich langsam um. Seine Taschenlampe erhellte die Lobby unter ihnen. Für einen Sekundenbruchteil glaubte Lucas, etwas zu sehen - eine Gestalt, die hinter einer Säule verschwand, barfuß, mit weißem Kleid.
»Wir sollten zurück«, keuchte Sven. »Es war ein Fehler, hierher zu-«
Ein Schrei zerfetzte die Stille. Natalia riss die Augen auf, als etwas Kaltes über ihren Knöchel strich. Sie stolperte rückwärts, doch Jacob fing sie grob.
»Was ist?«, schnauzte er.
»Da... da war was!«, japste sie und zeigte auf den dunklen Flur hinter der Treppe. »Etwas hat mich angefasst!«
Lucas' Taschenlampe zitterte, als er den Flur absuchte. Nichts. Nur Schatten. Doch dann - ein leises Kichern. Hoch, klar, wie von einem Kind.
»Das ist nicht lustig!«, schrie Natalia, Tränen der Wut in den Augen. »Wer von euch Idioten macht das?«
Doch die Gesichter der anderen verrieten, was sie alle dachten: Keiner von uns.
Ende Kapitel 1 Kapitel 2.....